In der VHS Heidelberg fand am Donnerstag, 16.Oktober, 19 Uhr, eine Veranstaltung der besonderen Art statt: die „Leselounge der Leselust“. Der Verein zur Förderung der Literatur „Leselust e.V.“ hat es sich zur Aufgabe gemacht, ganz jungen AutorInnen eine Bühne zu geben, auf der sie ihre selbst verfassten Texte dem Publikum präsentieren können. Unter der Leitung von Gertrud Edelmann waren die kreativen, innovativen und anspruchsvollen Texte von 7 jungen AutorInnen im Alter zwischen 15 und 27 Jahren zu hören und schenkten ihren zum Nachdenken angeregte ZuhörerInnen einen gelungenen Abend.
Da eine der AutorInnen, Johanna Gehlen, sich gerade in Südafrika befindet, übernahm Frau Edelmann stellvertretend die Lesung ihrer lyrischen und essayistischen Texte, die unter die Haut gingen. Insbesondere der Text „Akhanya“, der die Apartheid zum Thema hatte, berührte mit der Botschaft: „Umntu ngumntu ngabantu.“ Dieser Satz aus der afrikanischen Sprache isiXhosa bedeutet: „Eine Person wird zu einer Person durch andere Menschen“. Ihr damit verbundener Aufruf zur Menschlichkeit und Gleichbehandlung aller Menschen hat betroffen gemacht.
Milan Lippert umschrieb in seiner Kurzprosa in poetischer und literarisch äußerst niveauvollen Weise die inneren Schwingungen, die zwischen Menschen entstehen und leben können. Seine innovativen Vergleiche, die er dabei sprachlich einsetzt, nahmen die Zuhörer mit in die Welt der Emotionen und menschlichen Beziehungen, die sonst so schwer greifbar sind.
Katharina Gehlen, Schulabsolventin, beschäftigte sich in ihrem Text auf philosophische Weise mit dem sogenannten „Nichts“, das zwischen dem Abitur und dem Studium liegt, und wahrhaftig kein Nichts ist, sondern wohl die wichtigste Zeit der Orientierung und Selbstfindung in der Entwicklung eines Menschen darstellt.
Sarah Zeiss faszinierte das Publikum mit ihrer kunstvollen Lyrik über das Thema „Essstörungen“, das viele junge Menschen beschäftigt, und Kisha Fakler kritisierte in ihrer humorvollen Kurzgeschichte „Das Wunsch-Café“ in treffender Art das unersättliche Verlangen und Wünschen in unserer modernen Welt nach immer mehr und mehr.
Loreley Klinger und Carolin Hanzel rundeten die Veranstaltung gelungen ab, indem sie Leseproben aus ihren Romanen vortrugen.
Zum Fantasy-Roman von Hanzel „Die Ratten von Menachine“, Draupadi Verlag, gibt es am 6.11., 19 Uhr, in der VHS eine eigene Lesung, veranstaltet von der der „Leselust e.V“.
Auf speziellen Wunsch des Publikums können Sie hier einige der Texte aus der Veranstaltung nachlesen:
Ich mache nichts. Das ist es jedenfalls, was ich oft sage, wenn ich gefragt werde, was ich jetzt mache. Denn ist es nicht das, was ich tue? Tue oder eben nicht tue. Nicht lernen in der Schule, nicht arbeiten wie die meisten, im FSJ meinen Dienst ableisten. Nicht mit Gelehrten diskutieren, nichts bewegen. Keine neuen Horizonte sehen, mit Kommilitonen neue Wege gehen. Neue Erfahrungen, Eskapaden, ehrlich wissen, was ich will. Nicht mehr fragen. Fragen, unendlich viele Fragen, die sich in nicht enden wollenden Schleifen durch meine strähnigen Gedanken ziehen. Die sprunghaft nachts durch meinen Kopf traben und mich gehetzt von einem Ohr zum andern jagen. Ich kann mich nicht beklagen, nur bin ich nicht die Beste darin, diese zukunftspochenden Fragen bezüglich ihrer Relevanz auszusieben. Sie sind mir bestehen geblieben.
Wer ich bin oder zu werden strebe. Werte, die ich zu vertreten pflege, die in einer neuen Differenziertheit meine Weltsicht in die Weite, auf neue Podeste mit überraschender Aussicht heben.
Ich bin nicht auf Reisen. Aber ich wünsche mir insgeheim Perspektiven, vielleicht von neuen Menschen, vielleicht von neuen Kulturen oder persönlichen Zielen. Solche, die mich aus meiner Bequemlichkeitszone heraus und in neue Gewässer ziehen. Ich sehne mich nach solchen, durch deren Entdeckung ich mich ein Stück mehr meines eigenen Selbsts in die Welt zu geben traue. Ein Stück, von dem ich vielleicht nicht einmal wusste, dass es existiert. Indem ich etwas von mir gebe nach da draußen. Mich expressiere. Um im Gegenzug eine Facette von dem zu sehen, wofür ich lebe.
Ich denke, ich bin doch auf Reisen. Ich will mich erleben, neu erfinden, wachsen, zu mir finden und mir selbst vertrauen. Selbstvertrauen. Mich nach zu viel Selbstaufgabe in stressigen Zeiten von Grund auf bauen. Aufbauen. Jemand sein, der sich zu seinem wahren Ich bekennt. Über meinen eigenen Abgrund springen, der sich im Volksmund Schatten nennt. Mich nicht lähmen lassen von Meinungen, die mit ihrer Farbe das Bild zerstören, das ich versuche, zu malen. Ich will mich zelebrieren, statt zu schämen. Mich beflügeln. Über selbstinitiierten, inspirierten Elan verfügen. Ich will mich nicht betrügen. Nicht mehr herabschauen auf meine Fehler, nicht mich vergleichen. Nicht diese selbstkritische Stimme mit einer zu großen Bühne bereichern. Jene scheinheilig-teuflische Gewissensinstanz, die mir sagt. „Du machst ja gar nichts. Du schaffst das nicht. Alle sind produktiv, nur du bist es nicht.“
Das will ich nicht.
Ich denke, ich bin auf Reisen. Aber nur ich kann es sehen, die anderen nicht.
Die Gesellschaft hat viele Stimmen, die den einen oder anderen um seinen Selbstbestimmtheitswillen bringen. „Die Schule war ja noch entspannt, der schlimmste Teil des Lebens fängt jetzt erst an“. Oder: „Arbeitserfahrung oder ein FSJ werden dich weit bringen, das ist viel wert, wird es im Lebenslauf genannt.“
Das sei ja allgemein bekannt.
Dabei ist es doch die schönste Zeit des Lebens. Oder nicht? Diese Freiheit, die Ungewissheit hätte manch verdrossener Arbeitsfanatiker manchmal gern zurück. Nur für sich. Aber noch verstehen sie nicht, dass der Erwartungsdruck nicht nur sie womöglich zerbricht. Denn eines wird gerne außer Acht gelassen, vielleicht weil so manche von jenen ihr eigenes Lebensresultat insgeheim hassen: Es ist die Macht, die Gewalt der Optionenvielfalt - die Entscheidungsgewalt - die auch junge Menschen zum Zweifeln bringen kann. Und zum Hoffen. Hoffen wie folgt: Habe ich das Richtige getan? Mein Potential genutzt? „Du kannst doch alle Wege gehen. Die Türen stehen dir offen“.
Wie das alles geht, sagt dir aber keiner. Kein Druck. Hinter dir steht alles, was wir für dich erreicht haben, sagen sie. Du bist jetzt frei! Du kannst alles machen, sagen sie. Alles, wofür wir gelitten und gekämpft haben. Mach dem Ehre! Das wollen sie. Ich bin dankbar, für das, was sie, und alle anderen davor, für mich bereitet haben. Und ich will all die guten Errungenschaften auch schützen. Sie weitertragen. Aber ich fühle mich auch leicht betrogen. Was ist denn mit Krieg, Hass, Burnout-Kultur und Umweltkatastrophen? Sagte nicht einst Franz Kafka: Ich bin frei, deshalb bin ich verloren.
Und ich will doch alles erleben. Alles tun, damit ich nichts verpasse, nichts vermassle. Weltreise, neue Stadt, Weiterbildung, frische Luft, Meditation. Sport, Ernährung, Journaling und Reflexion. Das wird dich entspannen und gleichzeitig zu neuen Höhen antreiben, die wenige schaffen. Du kannst doch nicht einfach gar nichts machen.
Ich will mich engagieren, komplettieren, im kompetitiven Terrain der Universitäten und bei der Arbeit überleben. Auch in Krisenzeiten nicht Motivation und Kopf verlieren. Nebelkompetenz, so nannte es mein Rektor in der Abi-Rede. Auch vielleicht schon ein bisschen Geld verdienen, bei Stipendien gegen die Mitbewerber siegen. Jede Minute produktiv. Hab‘ mich informiert, was Neues gelernt. Und networken, sonst ist das alles doch gar nichts wert. Immer, immer mehr, immer besser, höher, schneller, weiter. Immer weiter. Immer schneller, schneller, schneller. Ich will das alles, ich will, ich will. Ich muss. Ich muss das bestreben. Sonst verpasse ich das Leben. Ich muss.
Muss ich nicht?
Moment. Wäre es denn so verkehrt innezuhalten? Mir Zeit und Raum zu geben, meine Flügel zu entfalten? Meine eigenen Wege zu bestreiten? Kreativ ungeahnte oder altbekannte, nie umgesetzte Herzensprojekte zu erschaffen, anstatt meine scheinbar überlebenswichtigen Termine zu verwalten? Klar, das kann sich nicht jeder leisten. Und für diese Chance bin ich dankbar. Aber warum sollte eine Pause von dem, auf das so viele im Stress täglich schimpfen, denn weniger valide sein, weniger wahr?
Denn bekanntlich liegt Wahrheit im Auge des Betrachters und in den für ihn daraus geschöpften Werten. Wahrheit besteht. Ich will mir Klarheit schaffen, meine ganz eigene Realität. Das schaffe ich bestimmt selbst. Selbstbestimmt.
Ist nicht jetzt die Zeit, in der alles zählt? Alles oder nichts. Eher nichts.
Der Weg ist breit, ich muss ihn nur gehen. Aber noch kann ich ihn nicht ganz verstehen. Und das ist auch okay. Die scheinbare Orientierungslosigkeit vermag mich zu neuen Abzweigungen führen. Die hätte ich ohne das Verweilen auf meiner Reise schnell übersehen. Das möchte ich meinem zukünftigen Selbst schenken, mit ihm teilen.
Ich will die Welt ein Stückchen besser machen. Aber das kann ich nicht, wenn ich nicht zuerst auf mich selber achte und mit neuer Kraft ansetze. Ohne später daran zu zerschellen und ohne, dass ich das Gefühl habe, ich müsse mich verstellen.
Ich will Großes tun. Viel erleben und erreichen. Aber dafür brauche ich Orientierung und eigene Wege, die vielleicht nicht den üblichen gleichen. Ich will meinen Sinn ergründen, auch ohne einen für alle anderen Schubladen passenden Lebens-Status zu verkünden.
Ich will lieber innehalten, bevor ich mich in irgendein Leben verrenne, verirre, das ich nicht will. Bevor ich einer von diesen Menschen werde, die alles bereuen aber nichts davon zugeben. Die mit ihrem „Was wäre gewesen, wenn?“ versauern und in Stress und Eintönigkeit sich selbst bedauern. Klar, manchmal überredet mich die Stimme in meinem Kopf zu der Angst, auf der Strecke zu bleiben. Nichts zu erreichen. Aber geht nicht sowieso alles viel zu schnell? Schneller, immer schneller? Warum denn nicht kurz anhalten, mit Bedacht, um einen Überblick zu erhaschen auf die Reise, ob sie auch in die richtige Richtung geht? Ob der Zug eine gute Wendung macht.
Ich bin auf der Suche. Ich suche aber finde nicht. Noch nicht. Ist bereits ein Ziel in Sicht? Es wandert in mir. Es wandert mit mir. Hand in Hand. Es wächst heran und bekommt ein immer klareres Gewand. Mit jedem neu sortierten Gedanken, Projekt oder Kleiderschrank. Mit jeder Stunde mehr Schlaf, mit jedem neu gesetzten Ziel, neuen Gespräch, jeder Erfahrung, die mein Ich von vor einem Monat in Staunen zu versetzen vermag. Mit jedem Stück des Lebens, das sonst still und leise chaotisiert und das sich dank mir, wie sonst bei wenigen, endlich mal sortiert. Mit jedem Tag entwirren sich meine Gedanken und es erholt sich meine Seele. Und ich rücke immer ein Stück näher an mein Leben. Meine neue Energie. Ich suche und beginne zu finden. Wer ich bin oder zu werden strebe.
Es ist doch das, was ich mache, nicht?
Und ich mache ja nicht nichts. Ich mache sehr viel. Sehr viel Wichtiges.
Wenn mich also jemand fragt, was ich jetzt mache, könnte ich es mit diesem Text erklären. Aber so mancher, der mich kennt oder sich selbst „Zwischenphasen-BewältigerIn“ nennt, wird es verstehen. Manch anderer auch nicht. Aber es ist nun mal mein Leben. Wer schon weiß, wo er wirklich hinwill, das ist wirklich schön für dich. Ganz genau weiß ich es noch nicht. Aber ich finde es heraus. Ganz für mich.
Deshalb sage ich, wenn ihr mich fragt, einfach:
Ich mache erstmal nichts.
„Fühlen Sie sich leer und unvollkommen?
Begehren Geld, Reichtum, Spaß und Schmuck?
Das Wunsch-Café heißt Sie willkommen,
erfüllt ihn mit dem letzten Schluck.“
Es roch nach Kaffee, Zimt, frisch gebackenen Keksen, Vanille und aufgeschäumter Milch.
Kim strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht, als das Glöckchen an der Tür bimmelte.
„Willkommen im Wunsch-Café. Was darf ich Ihnen heute erfüllen?“ Wie oft sie in ihren
ersten Wochen hier vergessen hatte, neue Kunden genau so zu begrüßen. Dabei stand es
fett gedruckt in ihrem Arbeitsvertrag. Aber Kim hatte sich in ihren ersten Wochen
vielmehr darauf konzentriert, bei der Bestellung alles richtig zu machen. Darauf, die
Wünsche korrekt in die Maschine einzutippen, den korrekten Sticker auf den
dazugehörigen Becher zu kleben, den Kaffee korrekt zuzubereiten – und da sollte sie sich
auch noch merken, welche genauen Worte sie zu sagen hatte? Alles musste korrekt sein.
„Ich hätte gerne einen Cappuccino und dazu eine sprechende Schreibtischlampe.“ Nicht
der seltsamste Wunsch, den sie bis jetzt gehört hatte. Von limitierten Gartenzwergen, zu
24 Katzenbabys, Kaugummi, der nie seinen Geschmack verlor, und einem Haus ohne
Fenster war schon alles dabei gewesen. Doch alles konnte man sich natürlich nicht
wünschen. Wie bei allen Dingen, die Spaß machten, gab es auch beim Wünschen Regeln.
Auch die standen fett gedruckt in Kims Arbeitsvertrag:
1.
Keine Wünsche nach mehr Wünschen. Wünsche waren nur einzeln in einem
Wunsch-Café zusammen mit einem Getränk der eigenen Wahl erhältlich. Hatte
man einen weiteren Wunsch, musste man sich einen weiteren Kaffee kaufen.
2.
Keine Wünsche nach Leben oder Tod. Man konnte also niemanden töten oder von
den Toten auferstehen lassen. – „Sir, es tut mir sehr leid, dass Muffin verstorben ist,
aber Sie können sich Ihren Hamster leider nicht zurückwünschen.“
3.
Keine Wünsche nach Immateriellem. Nicht greifbare Dinge wie Gefühle waren
nicht beeinflussbar. Man konnte also niemanden dazu bringen, jemand anderen zu
lieben oder zu hassen. Man konnte sich aber auch nicht wünschen, ein guter Tänzer
zu sein oder morgens nicht mehr müde zu sein.
4.
Keine Änderungen der Vergangenheit. Was geschehen war, war geschehen.
Und
5. Keine Wünsche nach Illegalem. Selbsterklärend.
Nachdem Kim die Bestellung und den Wunsch in den Bildschirm vor sich eingetippt hatte,
begann sie schon mal die Milch für den Cappuccino aufzuschäumen. Die Maschine neben
dem Bildschirm brummte leise und spuckte einen Sticker aus. Auf diesem stand auch der
Preis. „Das macht dann 17,99 $“, lächelte sie. Ob eine sprechende Schreibtischlampe und
ein Cappuccino so viel wert waren? Über die Preise hatte sich bis jetzt noch niemand bei
ihr beschwert. Immerhin war es nicht Kim, die die Preise bestimmte, sondern die WVM, die
Wunschverarbeitungsmaschine. Wie sie funktionierte, wusste Kim nicht. Niemand wusste
das, außer natürlich den Besitzern und hohen Tieren im Wunsch-Business. Kim und die
anderen Angestellten des Cafés tippten lediglich die Wünsche in die Maschine, und die
Maschine rechnete den Preis aus. Je teurer, seltener oder aufwendiger der Wunsch, desto
teurer der Kaffee. Man musste sich seinen Wunsch also auch leisten können. So war das
eben, und das schon lange. Solange Kim denken konnte. Auch ihre Eltern waren mit den
Wunsch-Cafés aufgewachsen. Nur ihre Oma hatte damals, als Kim noch ein kleines Kind
war, von einer Zeit ohne Wunsch-Cafés erzählt, in der sich die Menschen mit dem
zufriedengeben mussten, was sie hatten. Eine Zeit, in der man sich mit einem
überteuerten Kaffee nicht jeden Wunsch erfüllte. Eine Zeit, in der nicht jeder alles haben
konnte. Für Kim unvorstellbar.
Sie reichte dem Herrn seinen Cappuccino und fügte freundlich hinzu: „Und vergessen Sie
nicht den letzten Schluck.“ Auch das war sie laut Arbeitsvertrag verpflichtet zu sagen. Das
mit dem Wünschen war nämlich so: Nachdem der richtige Sticker auf dem Becher
befestigt war und das Getränk hineingefüllt war, kam der gesamte Becher noch einmal in
eine weitere Maschine, in der er gescannt wurde. Dieser Scanner verlieh dem Kaffee erst
seine Wirkung. Der Kunde konnte ihn dann trinken, wann oder wo er mochte. Es war nur
ganz wichtig, den Kaffee bis auf den letzten Schluck zu trinken. Sonst erfüllte sich der
Wunsch nicht.
In der Vergangenheit war es aufgrund dieser Tatsache schon oft zu
„Auseinandersetzungen“ gekommen. Doch dafür, ob jemand einem den Kaffeebecher
aus der Hand riss, bevor man ihn leer trinken konnte, übernahm das Wunsch-Café keine
Verantwortung.
Kim schaute auf die Uhr. Zehn vor sieben. Das Café schloss zwar erst um sieben, aber es
waren sowieso keine Kunden mehr da. Sie lief an dem „Nur für Mitarbeiter“-Schild vorbei
und begann, die Küche aufzuräumen. Als sie den Mehlhaufen auf dem Fliesenboden
entdeckte, fiel ihr wieder ein, dass ihr heute Mittag beim Apfelkuchenbacken die
Rührschüssel heruntergefallen war. Kim schnaubte und grub Kehrbesen und Schaufel aus
dem kleinen Metallschrank in der Ecke aus. Gerade als sie sich bückte, um das Mehl
aufzukehren, bimmelte das Glöckchen an der Tür. Verwundert hörte Kim auf.
„Entschuldigung, aber wir haben geschlossen“, rief sie in die Stille hinein, die nach dem
Klingeln folgte. „Oh, das tut mir leid. Das Schild steht noch auf ´offen`“, kam es zurück.
„Mist“, dachte sie sich, „wie oft will ich das noch vergessen?“ Sie klopfte sich das Mehl von
der Schürze und lief zurück hinter die Theke. „Entschuldigen Sie, wir schließen auch
eigentlich erst in fünf Minuten“, murmelte sie, während sie sich weiter das Mehl
wegklopfte. Als sie aufblickte, begrüßte sie ein junger Mann mit einem freundlichen
Lächeln. Er trug eine Brille, hatte dunkle, zerzauste Haare und einen langen braunen
Mantel aus Filz an. Er sah gebildet aus. Vielleicht sogar ein bisschen wohlhabend. Auf
jeden Fall freundlich. Kim lächelte zurück. „Was kann ich Ihnen erfüllen?“ – „Einen Latte
Macchiato, bitte“, antwortete er. Kim tippte auf dem Bildschirm herum. „Und Ihr
Wunsch?“ Der junge Mann sagte zuerst gar nichts, doch dann antwortete er: „Nur den
Kaffee, bitte.“ – „Wie bitte?“, hakte Kim direkt nach. Seinen Wunsch hatte sie nicht
verstanden. Wahrscheinlich war es wieder irgendetwas Komisches oder Spezielles, von
dem sie noch nie gehört hatte. „Nur den Kaffee, bitte“, wiederholte er mit genau dem
gleichen Ton und genau dem gleichen Tempo wie davor. Kim starrte ihn an. Dann
blinzelte sie ein paar Mal. „Sir, Sie müssen sich was wünschen“, sagte sie nach einer Weile
mit zusammengezogenen Augenbrauen und einem ungläubigen Lächeln. Er machte
Scherze. Doch er stand nur da, Hände in den Manteltaschen, und lachte leicht: „Bitte nur
den Kaffee, wirklich.“ Kim verstand nicht. „Sir, Sie... müssen sich etwas wünschen“, sagte
Kim nochmal mit immer noch zusammengezogenen Augenbrauen, aber ohne Lächeln.
Der seltsame junge Mann legte den Kopf schief und schien nachzudenken. „Kann ich...
einfach nur Kaffee haben?“ Langsam wurde es Kim gruselig. Was sollte das? Wer war
dieser komische Mann? Wer will denn einfach nur Kaffee? Nur Kaffee? Hätte sie doch
bloß dieses dumme Schild auf „geschlossen“ gedreht.
Kim hatte keine Ahnung, was sie tat. Sie tippte nicht auf dem Bildschirm herum, klebte
keinen Aufkleber auf den Becher, scannte ihn nicht ab. Sie machte den Espresso und
schäumte die Milch auf. Sie machte einfach nur Kaffee. Sie hatte keine Ahnung, wie viel
dieser Latte Macchiato kostete. Deswegen dachte sie sich irgendetwas aus: „3,50 $.“ Der
Komische holte ein paar Münzen aus seinem Geldbeutel und reichte sie ihr. Kim wollte
gerade das Rückgeld aus der Kasse holen, da rief er sanft: „Nein, nein, bitte. Das passt so.
Dafür, dass Sie mir so spät noch einen Kaffee gemacht haben.“ Kim lächelte schief. Sie
reichte ihm den Kaffeebecher, er nahm einen Schluck, lächelte zum Abschied, das
Glöckchen bimmelte, und er war weg. Kim schaute noch ein paar Sekunden zur Tür,
bevor sie hastig hinlief und das Schild umdrehte. Zusätzlich schloss sie noch die Tür ab.
Danach lief sie wieder zurück in die Küche. Der Mehlhaufen war immer noch da.
„Komisch“, flüsterte Kim zu sich selbst, und dann gab sie für den Rest ihrer Schicht keinen
Ton mehr von sich. Erst als sie zu Hause war und ihre Tasche auf das Sofa fallen ließ,
räusperte sie sich, um zu schauen, ob ihre Stimme noch da war. Noch nie hatte sie so
einen seltsamen Arbeitstag gehabt. Und der komische junge Mann ging ihr nicht aus dem
Kopf. Nachdem sie sich Pizza vom Tag davor aufgewärmt, geduscht und sich bettfertig
gemacht hatte, schlief sie mit dem Gedanken ein, dass sie für diesen Komischen bestimmt
20 Regeln ihres Arbeitsvertrags gebrochen hatte. „Nur Kaffee...“
Am nächsten Tag zuckte Kim immer wieder ein wenig zusammen, wenn die Tür
bimmelte und Kunden hereinkamen. Sie hoffte jedes Mal, dass es nicht der komische
junge Mann von gestern Abend war. Und doch wollte sie ihn wiedersehen und ihn fragen,
was es mit seiner Bestellung auf sich hatte. Wie er dazu kam, nur Kaffee zu bestellen, und
sich weigerte, etwas zu wünschen. Aber es schien, als hätte sie zu stark gehofft. Denn er
kam nicht wieder. Auch am Tag danach ließ er sich nicht blicken. Und Kim war schon fast
ein bisschen enttäuscht. Sie schaute aus der großen Glasscheibe neben der Theke in den
grauen Himmel. Der Regen hatte die Leute von den Straßen verdrängt, und diese
machten es sich nun in Cafés wie diesem gemütlich. Wer würde bei dem Wetter auch
rausgehen? Niemand. Außer vielleicht der Mann auf der anderen Straßenseite. Dunkle
Haare, Filzmantel... Moment... Das war er! Kim sprang auf und lief aus dem Café. Bevor
sie überlegen konnte, was sie überhaupt sagen würde, stand sie auch schon vor ihm.
„Guten Abend?“, sagte er, nachdem sie nichts sagte und einfach nur dastand. „Hallo
ähm...“, was machte sie hier draußen? „Es äh... Es regnet.“ – „Ja, es regnet“, lächelte er
amüsiert. Kim schüttelte den Kopf. „Ich meine, wollen Sie nicht reinkommen und sich mit
einem Kaffee aufwärmen?“ Er schaute kurz zum Café rüber, dann wieder zu ihr und hob
leicht eine Augenbraue. Er lächelte immer noch. „Na, schön, warum nicht?“, sagte er
schließlich und lief auf das Café zu. „Heute muss er sich etwas wünschen. Er muss einfach“,
dachte sich Kim, als sie ihm folgte.
Zurück im Café setzte sich der komische junge Mann an den letzten freien Platz neben
der großen Fensterscheibe. Kims Hände hielten ihren Stift so fest, dass es fast wehtat, als
sie zu ihm lief, um seine Bestellung aufzunehmen. „Was kann ich Ihnen bringen?“ Aber er
antwortete nicht, sondern schaute mit hochgezogener Augenbraue auf ihren Stift, mit
dem sie nervös auf ihrem kleinen Notizblock herumtippte. Dann schaute er hoch in ihr
Gesicht, als würde er wollen, dass sie die Frage beantwortet. Kim wurde ungeduldig.
Dann lachte er leise und kratzte sich am Kopf. „Ich hab Sie wohl ein wenig verwirrt mit
meiner Bestellung von vor ein paar Tagen.“ Diese Antwort hatte Kim nicht erwartet. Aber
er hatte recht. Sie war extrem überfordert gewesen. Nur einen Kaffee hatte er bestellt.
Einfach nur Kaffee? Kim räusperte sich, aber das half nicht. Sie wusste immer noch nicht,
was sie sagen sollte. Doch der junge Mann lächelte nur wieder amüsiert. „Deswegen
wollten Sie unbedingt, dass ich nochmal ins Café komme, richtig?“ Jetzt wurde Kim warm,
und sie brachte nur ein heiseres „Entschuldigen Sie bitte“ heraus. Da lachte er wieder leise.
„Ist es für Sie wirklich so unerklärlich, warum ich mir nichts gewünscht habe?“ Kim zuckte
mit den Schultern. Er überlegte kurz und sagte dann: „Ich kann es Ihnen zeigen, wenn Sie
wollen.“ Er stand von seinem Stuhl auf, und dann standen sie da, bis Kim ihre Stimme
wiederfand. „Jetzt?“, fragte sie. „Jetzt“, antwortete er. Die Wärme stieg an zur Hitze, und
Kims Wangen fingen an zu kribbeln. Sie deutete hilflos auf die Theke hinter ihr, um ihm
zu erklären, dass ihre Schicht noch nicht zu Ende war. „Wann haben Sie denn
Feierabend?“, fragte er. Kim hatte keine Ahnung, wie er die hektische Bewegung ihres
Arms verstanden hatte, aber sie dachte kurz nach und antwortete: „Ich kann in fünf
Minuten Pause machen. Reicht das?“ – „Das reicht“, versicherte er. „Es ist nicht weit.“
Nicht weit?
Fünf Minuten später liefen Kim und der komische junge Mann die Straße entlang. Wo er
sie wohl hinbringen würde? Wenn es der Grund war, warum er sich nichts wünschte,
konnte es ja nur eine riesige Villa sein oder ein Goldhaufen oder ein teures Auto. Vielleicht
auch eine Wunschmaschine, aber wo sollte er die herhaben? Vielleicht war es auch etwas
viel Persönlicheres, das sein Leben erfüllte. Ein eigener Zoo oder ein Kino, in dem alle seine
Lieblingsfilme liefen. „Ich heiße übrigens Ben“, riss er Kim aus ihren Gedanken. „Kim“,
antwortete sie, und da bemerkte sie, dass er, während er durch die Straßen schlenderte,
alles um ihn herum genau betrachtete. Und er lächelte dabei ein wenig. Ganz leicht. Kim
schaute nach oben. Was gab es da so Tolles zu sehen? Bäume und den grauen Himmel.
Da fiel ein Blatt von einem der Bäume und flog Kim fast auf die Nase. Es war schön
orange gefärbt, und da fiel noch eins. Ein gelbes dieses Mal. Da musste auch Kim ein
wenig lächeln. „So, wir sind da“, rief Ben plötzlich, und Kim wäre fast in ihn reingelaufen.
Sie schaute in die Richtung, in die er zeigte, und was war da? Keine riesige Villa, kein
eigener Zoo, sondern eine kleine schäbige Pizzeria. „Hier gibt es die beste Pizza der
ganzen Stadt. Vielleicht sogar im ganzen Land“, lächelte Ben. Hörte dieser Kerl jemals auf
zu lächeln? Enttäuscht trottete sie ihm hinterher.
Sie bestellte ein großes Stück Salamipizza und wollte bezahlen, doch er bestand darauf,
sie einzuladen. Einige Minuten später saßen sie beide mit dampfenden Pizzastücken auf
einer Treppe eines nahegelegenen Hauseingangs. Kim begutachtete ihre Salamipizza. Der
Käse glänzte in der Sonne, die plötzlich hinter den grauen Wolken hervorlugte. Vielleicht
kam die riesige Villa ja noch, und er hatte nur Hunger und wollte sich nur kurz etwas zu
essen holen. „Deine Pizza wird kalt“, nuschelte er mit vollem Mund. Kim schnaubte kurz
und biss ein Stück ab. Der Teig war fluffig, die Tomatensoße war perfekt gewürzt, die
Salami knusprig, und der Käse schmeckte himmlisch. Er hatte recht. Es war wirklich die
beste Pizza der Stadt. Kim biss gleich noch einmal hinein und bemerkte, wie er sie wieder
anlächelte. Doch dann schaute er wieder weg, hoch in den Himmel, und ließ die Sonne
auf sein Gesicht scheinen. „Ist die Sonne nicht toll?“, fragte er mit geschlossenen Augen.
Kim wusste es nicht, aber er schien sie toll zu finden, also legte sie den Kopf in den Nacken
und ließ die Sonne ihr Gesicht wärmen. Es fühlte sich wirklich toll an. Warm und
gemütlich. Da fingen die Blätter an, im Wind zu rauschen, und auf der anderen
Straßenseite lachte eine Gruppe Kinder. Aus einem geöffneten Fenster klang das sanfte
Zupfen einer Gitarre, und von der Pizzeria aus strömte ein unglaublich leckerer Duft her.
Kim öffnete wieder die Augen, doch seine waren noch geschlossen. Als sie sich wieder ihrer
Pizza widmen wollte, fragte er: „Ist deine Pause nicht bald wieder vorbei?“ Wie? Das soll’s
gewesen sein? Das war, was er ihr zeigen wollte? Mal wieder schien Kim ihre Gedanken
nicht verstecken zu können, denn er fragte: „Du verstehst es nicht, oder?“ – „Was soll ich
verstehen?“, lächelte sie verwirrt. Er seufzte und überlegte kurz. Dann stand er auf. „Ich
komm morgen wieder. Vielleicht verstehst du’s dann.“ – „Morgen?“, fragte Kim. Er strich
sich die Haare zurecht. „Ich will dir noch was anderes zeigen.“
Was sich Kim da schon wieder eingebrockt hatte. Tag für Tag, Woche für Woche holte sie
Ben nun immer vor ihrer Mittagspause ab, um sie irgendwo hinzuführen oder ihr etwas zu
zeigen. Denn Kim hatte auch nach dem zweiten, dritten und vierten Mal nicht
verstanden, warum in aller Welt dieser seltsame junge Mann sich nichts wünschen wollte.
Einmal brachte er sie zu einem wunderschönen Garten, der seine Umgebung süß duften
ließ, in dem die Blumen und Gewächse glänzten und strahlten und ein kleiner Bach
plätscherte. Kim hatte sich noch nie irgendwo so entspannt gefühlt. Ein anderes Mal
brachte er sie an den kleinen See am Rande der Stadt, an dem das alljährliche
Laternenfest gefeiert wurde. Dutzende Lichter schmückten den Himmel, und Kims Augen
strahlten mindestens genauso hell, als sie sie mit Staunen betrachtete. Die gold-gelben
Punkte im dunklen und weiten Nichts der Nacht, die immer kleiner und kleiner wurden.
Ein weiteres Mal lud er Kim ins Theater ein. Die Tänzer und Tänzerinnen auf der Bühne,
die sich perfekt zur Musik bewegten, Arme und Beine mal leicht und sanft wie Federn im
Wind und dann doch wieder kraftvoll und dynamisch, verschlugen ihr den Atem. „Wow“,
dachte sie sich jedes Mal, wenn Ben sie wieder woanders hinführte, und Kim fand Gefallen
daran, fast jeden Tag etwas Neues zu entdecken. Sie wohnte schon ihr ganzes Leben in
dieser Stadt und hatte noch nie den Garten, den See oder das Theater besucht. Es gefiel
Kim so sehr, dass sie irgendwann den Sinn und Zweck ihrer Ausflüge mit dem komischen
jungen Mann vergaß. Aber er fragte auch nie nach, ob sie es denn nun endlich verstanden
hatte. Er lächelte nur immer wieder, wenn er sah, wie begeistert Kim von all dem war,
das er ihr zeigte. Und so ging es eine Weile...
…bis es eben nicht mehr so ging. Denn eines Tages stand Kim in Jacke und ohne Schürze
bereit vor dem Café und wartete. Sie wartete und wartete, aber er kam nicht. Vielleicht
hatte er vergessen, dass sie sich heute wieder treffen wollten... doch er kam auch am
nächsten Tag nicht, und auch am Tag danach ließ er sich nicht blicken, und Kim war
enttäuscht. Sehr enttäuscht sogar. Was war passiert? Wo war er hin? Wie konnte er
einfach nicht mehr kommen? Sie hatte sich so daran gewöhnt, all diese wunderschönen
Orte zu sehen, etwas zu entdecken. Lange noch stand sie zu Beginn ihrer Mittagspause
immer wieder vor der Tür des Cafés. Vielleicht würde er ja wiederkommen. Doch er kam
nicht wieder. Er kam nicht wieder. Er war einfach weg. Wie vom Erdboden verschluckt.
Weg!
In ihrer grünen Regenjacke stand sie vor der großen Glasscheibe des Cafés und schaute in
den kühlen Himmel. Sie überlegte, und plötzlich bewegten sich ihre Beine wie von selbst.
Schritt für Schritt lief Kim hastig die Straßen entlang. Und bevor sie realisieren konnte, wo
sie hinlief, war sie auch schon vor der kleinen süßen Pizzeria angekommen, die Ben ihr bei
ihrem ersten Ausflug gezeigt hatte. Sie kaufte sich ein großes Stück Salamipizza, und
während sie kaute und den Geschmack auf ihrer Zunge zergehen ließ, beschloss sie etwas
ganz Wichtiges. Sie brauchte ihn nicht, um jeden Tag etwas Neues zu entdecken. Ab
heute würde sie es einfach selbst machen. Und das tat sie auch.
Nach der Arbeit lief Kim direkt nach Hause und schrieb eine Liste. Eine Liste mit all den
Orten und Erlebnissen der Stadt, die sie noch nicht kannte. Und abgesehen von denen, die
sie mit Ben besucht hatte, waren es praktisch alle Orte und Erlebnisse, die die Stadt zu
bieten hatte. Doch egal, was sich Kim vormachte, sie vermisste ihn und sein Lächeln. Eines
Tages kam sie zum Ende ihrer Mittagspause wieder in das Café zurück und setzte sich erst
mal in eines der gemütlichen Sofas auf der rechten Seite der Theke. Sie hatte gerade
einen langen Spaziergang gemacht: Weg von der Hauptstraße, am Park vorbei, über
den Hügel zum kleinen Teich. Dort hatte sie den Enten beim Schwimmen zugesehen und
fast die Zeit vergessen. Jetzt saß sie wieder im Café, und ihre Füße schmerzten ein wenig,
aber das war ihr egal. Sie war sauer. Sauer auf ihn und sauer auf sich selbst, weil sie ihn
vermisste.
Sie saß da und schaute der WVM beim Brummen zu, und da erschrak sie. Sie wusste es
immer noch nicht und würde es nun auch niemals herausfinden. Sie hatte immer noch
keinen blassen Schimmer, warum um alles in der Welt sich dieser komische Mann nichts
wünschen wollte. Er wiederum hatte sich aber auch nicht besonders angestrengt, um es
ihr zu zeigen, oder doch? Das Einzige, was er getan hatte, war, ihr Erlebnisse zu schenken,
und zum ersten Mal kam Kim in den Sinn, dass das seine Antwort war. Er hatte ihr etwas
gezeigt, das genau vor ihrer Nase gewesen war, doch sie hatte es nie gesehen. Jetzt sah
sie. Ben hatte sie sehen, riechen, hören, schmecken und vor allem fühlen lassen. Und das
ganz ohne Wunsch-Café – und Kim war glücklich gewesen. Unglaublich glücklich.
Sie saß noch eine Weile so da. Auch, nachdem ihre Schicht längst wieder begonnen hatte.
Sie zog ihre grüne Regenjacke aus und hängte sie über die Armlehne des Sofas. Morgen
würde sie kündigen – und danach egal wohin. Einfach weg, was erleben. Dann stand Kim
auf und lief hinter die Theke. Sie kochte sich einen Espresso und schäumte Milch auf.
Dann goss sie die Milch in ein hohes Glas und ließ danach langsam den Espresso über die
Rückseite eines Löffels in das Glas fließen. Mit dem Kaffee in der Hand lief sie zurück zu
ihrem Sofa und setzte sich. Dann nahm sie einen großen Schluck und schloss die Augen.
Dann dachte sie an Ben, lächelte und schaute aus dem Fenster. Die schönsten Dinge im Leben
kann man sich nicht wünschen, man muss sie fühlen. Sie können direkt vor einem sein, und
doch sieht man sie nicht gleich. Doch schaut man genau hin, findet man Glück überall. Sei es
ein heißes Stück Pizza, ein plätschernder Bach, das Lachen eines Freundes, das Zupfen einer
Gitarre, die Wärme der Sonne auf der Haut, die Freundlichkeit eines Fremden, der Duft einer
Blume oder einer einfachen, simplen Tasse Kaffee. Einfach nur Kaffee.
Das Papierschiffchen
Ich bin ein Papierschiffchen auf dem Ozean
Die weite, blaue See,
Sterne glitzern an der Oberfläche, fast greifbar
Wie weit kann ich blicken, fragst du dich?
So weit, wie ich mich traue, zu träumen
So weit werde ich reisen.
Die Wellen tragen mich, meinen kleinen, gefalteten Körper
Ich bin so leicht, dass es den Wellen nichts ausmacht
Sie strecken ihre Hände aus, sie kommen und gehen
Manche bleiben länger, andere verschwinden einfach, ohne ein Wort
Ich bin ein Papierschiffchen voller Mut.
Ich nenne die Wellen meine Gefährten, ich bin nicht allein,
manche kommen von einem fernen Ort, andere haben nie meine Seite verlassen
Wohin willst du, fragst du dich?
Mein kleines Herz aus getrockneter Tinte, aus Schatten, aus tiefsten Träumen und Hoffnung, wird es wissen
Ich setze die Segel – ohne Zweifel werde ich ankommen, wo ich sein soll.
Obwohl ich aus fester Pappe bin, habe ich manchmal Angst –
Angst, ob ich nicht nass werde und in der tiefen See versinke,
die ihr dunkles, zahnloses Maul aufsperrt und mich anheult.
Lass die Zweifel los! Zum Horizont werde ich getragen werden.
Ein langer Weg für ein Papierschiffchen,
aber es ist der Weg vor uns, den ich schätze, egal, was noch kommt.
Meine treuen Freunde, die Wellen, ihre Hände formen mich
Wunderschön geschriebene Zeichen, tiefe Furchen, Schnitte, Heck des Glücks, stolze Salzkronen, gehobenes Segel
Ich trage mit mir, was die Wellen mir hinterließen.
Ich bin nicht, wer ich einmal war, noch wer ich später sein werde.
Aber ein Gedanke lässt mich nicht unberührt, er lässt mich nicht los.
Ich werde sein, wer ich sein soll:
Ein Papierschiffchen auf dem Ozean.
Akhanya
Ich sehe Akhanya jede Woche. Wie er konzentriert auf das Papier malt, das die Lehrerin ihm gegeben hat. Den Stift fest in der Hand, zieht er Linien aus grün und rot, manchmal wild verworren, manchmal ganz gerade. Ich schaue ihm dabei zu, wie er in Gedanken die weiße Fläche füllt, es immer mehr zu seinem Kunstwerk ernennt. Kunst, die nur er und seine Klassenkameraden zu Gesicht bekommen werden. Dass er seine Gemälde je auf der Weltbühne präsentieren wird? Unwahrscheinlich. Doch das hält ihn nicht davon ab, weiterzumalen, an seinem Traum festzuhalten. Ich sehe in ihm einen Schüler, der wissbegierig am Unterricht teilnimmt, mich neugierig mit Fragen löchert – und das auf zwei Sprachen. Eine Sprache, die ihm seine Familie vererbt hat, und eine, die ihn aus akademischen Gründen gelehrt wird. Welchen Wert die beiden Sprachen in seinem Leben haben werden, wird sich spätestens in seinem Studium zeigen – falls er die Möglichkeit bekommt, sich an einer Universität einzuschreiben. Und wenn er dort studiert, wird die Sprache der vergangenen Kolonialherrschaft bestimmen, welche eurozentrischen Theorien er lernt. Die Universität, die mit dem Auto so erreichbar scheint, ist in der Realität meilenweit entfernt. Obwohl die Uni ihre Vergangenheit hinter sich zu lassen scheint, ist sie nur ein Symbol dafür, wie die Vergangenheit fortlebt und -atmet. Sie ist eins von vielen Organen eines ungezähmten, aber gelähmten Wesens, das träge vor sich hinlebt, sich genüsslich ausruht auf dem Nest aus alten Zweigen der Segregation. Fein säuberlich zusammengeschustert zu einer Wiege aus sich immer weiter reproduzierenden Gedankenfetzen. Das Wesen ist träge, aber birgt fortwährend eine immense Kraft in sich, die von ihm ausstrahlt, als wäre es radioaktiv. Wenn ich es so beobachte, wie es die Geschichte wiederkäut, die alten, fast verdauten Geschmäcker wieder hochwürgt, empfinde ich eine tiefe Abscheu. Das Wesen, von dem ich rede, hat zwei Gesichter: Sein eines Gesicht zeigt ein müdes, fast gehässiges Grinsen, das mich mit tiefem Ekel erfüllt. Es wirkt, als triumphiere es, als jubele es nostalgisch den vergangenen Jahrzehnten hinterher. Wenn ich mich von diesem Gesicht abwende, blicke ich in das zweite Paar von tiefen, mit Lachfalten umrahmten Augen, die freundlich von einer heilvollen Zukunft predigen. Doch wenn man genau hinsieht, tief genug in den schimmernden Blick eintaucht, dann flackert, lodert dort eine winzige Flamme, die nicht alle sehen können. Die Funken knistern kaum hörbar, aber doch gut verständlich in einer für die meisten Menschen unverständlichen Sprache. Höhnisch lacht die Flamme über diejenigen, die das zweite Gesicht zu ihrem Freund erklären, und verspottet gleichzeitig alle, die die Flamme sehen können, aber nicht weit genug greifen können, um sie zu ersticken. Je mehr ich dieses Wesen beobachte, desto trauriger werde ich, aber vor allem bin ich verwirrt, versuche zu verstehen. Je mehr ich dieses Wesen kennenlerne, desto wütender werde ich. Wütend auf diejenigen, die es erschaffen haben und es mit ihrem Gedankengut gefüttert haben, sodass es groß und übermächtig werden konnte, sobald es mit der Tinte an die Gesetze dieses Landes gekettet wurde. Untrennbar verwoben ist der Körper des Wesens mit den Tausenden Geschichten, die erzählt werden, aber auch mit jenen, die in den Bücherregalen verstauben oder nie ausgesprochen wurden. Das Wesen, von dem ich erzähle, von dem ich wünschte, es wäre nie erschaffen oder zumindest besiegt worden, nennt sich Apartheid. Apartheid wohnt noch immer in Kayamandi, wo Akhanya wohnt, aber auch in Stellenbosch, in jedem Winkel von Südafrika. Ein Paradoxon aus Existenz und Verwesung, ähnlich wie Schrödingers Katze tot und lebendig zugleich. Es breitet seine Flügel aus und schirmt die Mehrheit der Bevölkerung vom Sonnenlicht ab, während sich der Rest des Landes sonnt. Akhanya wächst unter den Fittichen des Wesens auf. Streng behütet davor, die gleichen Möglichkeiten zu beanspruchen wie seine Brüder in der Sonne.
Ich sehe Akhanya jede Woche, aber viele können ihn nicht sehen. Oder wollen es nicht. Trotzdem existiert er, genau wie seine Freunde in anderen Teilen des Landes auch. Akhanya ist quietschlebendig, wie er mit seinen Freunden über seine Witze lacht, Kreise auf das Papier malt und auf dem Pausenhof schaukelt. Trotzdem ist er für viele unsichtbar, einfach nicht existent. Als Akhanya meine Locken zu Zöpfen flicht, kann ich den Geruch des Wesens wahrnehmen. Akhanya meint, dass ich wie eine Prinzessin aussähe und so schön sei. Aber warum denkt er das? Warum empfindet er, dass seine Haare weniger schön sind? Wie ich hier auf dem viel zu kleinen Stuhl sitze, umringt von Akhanya und seinen Freunden, nehme ich den Geruch immer stärker wahr. Die Schule, in der Akhanya lernt, hat systematisch weniger Ressourcen zugeteilt bekommen als die Nachbarschulen in reicheren Gegenden. Und trotzdem lernen die Kinder hier die Essenz des Lebens kennen, auf eine viel lebendigere Art und Weise als viele andere es tun. Das Wissen, das sie hier erwerben, ist in Teilen verfärbt und schimmert in Dunkelblau oder rot-weiß gestreift und ist mit Sternen versehen. Die Farben flattern unübersehbar in den Lehrbüchern von Akhanya, aber trotzdem ist deutlich zu vernehmen, dass nicht alles Wissen aus den westlichen Ländern stammt, herbeigeschifft in längst vergangenen Zeiten oder importiert aus unserer globalisierten Welt. Das herbeigeschiffte Wissen hat seine Anker ausgeworfen und ruht nun im Hafen einer eingenommenen Stadt, aus der das lokale Wissen flüchten musste, um Platz für das „richtige“ Wissen zu schaffen. Denn nur so, so denken viele, lässt sich ein Leben im 21. Jahrhundert aufbauen. Doch je mehr ich beobachte und nachfrage, desto mehr verstehe ich die Zusammenhänge und die Auswirkung dieser Marginalisierung von lokalem Wissen. Ich verstehe auch immer mehr, wie wir dazu beitragen, dass sich diese Auffassung festigt und eine universelle Wahrheit beansprucht.
Der Name Akhanya bedeutet übrigens „helles Licht“ oder „Bringer des Lichts“. Genau wie Akhanya es versucht, in seiner Umgebung, in der er aufwächst, ein Leben aufzubauen und zu lernen, sollten wir versuchen, Licht zu verbreiten und Klarheit darüber zu schaffen, wie Menschen aufwachsen und aus welchen Gründen sie so aufwachsen, wie sie aufwachsen. Und wir sollten Möglichkeiten schaffen, mehr nach den Devisen der lokalen Bevölkerung zu leben. „Umntu ngumntu ngabantu“ ist ein sehr gutes Beispiel, um aufzuzeigen, was ich meine. Dieser Satz kommt aus Akhanyas Muttersprache isiXhosa und bedeutet so viel wie „Eine Person wird zu einer Person durch andere Menschen“. In anderen Worten: Wir brauchen andere Mitmenschen, um zu uns zu finden und selbst eine Person zu werden. Wenn ich ehrlich zu mir selbst bin, glaube ich, dass wir viel mehr nach diesem Konzept leben sollten. Wir sollten mehr auf andere Menschen zugehen, offen gegenüber anderen Lebenseinstellungen sein, denn jede hat ihre eigene Berechtigung, und versuchen, einander zu verstehen und miteinander auszukommen. Vorurteile sollten mit eigenen Erfahrungen falsifiziert werden und durch passendere Beobachtungen ersetzt werden.
Ich sehe Akhanya jede Woche. Und ich wünsche mir, dass andere ihn und Kinder wie ihn auch deutlicher wahrnehmen. Tief in mir spüre ich, dass ich meinen Teil dazu beitragen möchte. So wie Akhanya offen auf mich zugeht, möchte ich auf andere zugehen und mit Menschen ins Gespräch kommen. Letztendlich auch, um mich durch andere Personen zu finden.
Traum
Süß verspüre ich das Blau der letzten Tage. Die Freiheit prickelt auf meiner Haut wie Brause. Süß und ein bisschen sauer, eine erfrischende Kombination. So wie ich dasitze, die Beine übereinandergeschlagen, nichts ahnend, sehe ich die Zeit an mir vorbeirennen. Sie sprintet, als würde sie von einer Herde Büffel verfolgt. Ich schaue ihr dabei zu, wie sie keucht und prustet und vor mir stehen bleibt, um einen Moment innezuhalten. Die Zeit schaut mir direkt in die Seele, als ich sie weiterhin beobachte, wie sie ungelenk versucht, ihren Atem wieder einzufangen, wie Schmetterlinge mit einem Kescher. Die Zeit bleibt wortwörtlich für eine kurze Weile stehen. Ihr Blick ist so intensiv, dass ich das Gleichgewicht verliere und vornüber in sie hineinkippe, geradezu in sie hineinstürze und falle. Falle, falle manche Strecke, dass zum Zwecke Zeit verfließe. Verfließt zu einem zähen Brei aus Orangenmarmelade und Vanille-Aroma. Als ich durch die endlosen Weiten der wohlriechenden Masse wate, meine zu Schwimmhäuten zusammengewachsenen Hände helfen mir beim Vorankommen, sehe ich in der Ferne den Sinn selbst, wie er kippt. Der Sinn verformt sich in Gleichsinn und kracht schließlich als Unsinn auf dem gläsernen Boden auf. Der Unsinn schließlich zerspringt in 1000 Teile, welche in alle Richtungen über den Himmel schlittern, bis mir eine Scherbe wie eine Sternschnuppe zugeflogen kommt. Ich betrachte das bisschen Unsinn, das ich nun in den Händen halte, und spiegele mich darin. Mein Sinn versucht den Unsinn zu fassen und zu begreifen. Doch ich sehe den Unsinn noch nicht ganz richtig, weshalb ich mein Auge näher an den Unsinn heranführe, bis meine Wimpern ihn berühren. Mein Verstand schlägt Purzelbäume, jubelt und krakeelt, sodass sich meine Ohren anfühlen, als würden sie sich zusammenziehen, um den Schall zu dämpfen. Doch der Unsinn findet seinen Weg in meinen Gehörgang, wo er mir, ganz leise, eine geheime Botschaft zuflüstert. Und ich muss sagen, der Unsinn hatte irgendwo Recht in dem, was er mir gesagt hat. Ich würde euch gerne verraten, was er mir erzählt hat, doch hat dieser Unsinn nur in diesem Moment Sinn ergeben, als ich ihn gehört habe, und sogleich den Sinn verloren, als sich der Unsinn aufmachte, neue Schandtaten zu begehen. Was ich aber weiß, ist Folgendes: Sobald sich der Unsinn verflüchtigt hat, holt mich ein pink und grün gepunkteter Vogel wieder zum Rad der Zeit zurück. Als ich die Zeit da so vor mir sehe, wie sie langsam wieder zu sich kommt, realisiere ich, dass sie sich wohl etwas übernommen hat mit der ganzen Rennerei. Warum hat sich die Zeit nur so einen Stress gemacht? Nicht alles muss sofort passieren und sicherlich nicht im Galopp. Ein bisschen Unsinn tut wohl immer gut, wir wollen ja nicht, dass der Zahn der Zeit zu sehr anfängt zu nagen. Einfach mal mit der Zeit gehen und sich nicht stressen lassen. Als ich das realisiere, lehne ich mich wieder zurück, sehe die Zeit wieder davonrennen und freue mich, einfach nur die Beine übereinanderzuschlagen und ein wenig Unsinn zu denken.